Was ist eine Zeichnung? – 4. Teil

Was ist eine Zeichnung? – 4. Teil

 

Laut Definition besteht der wesentliche Unterschied zwischen dem Malen und dem Zeichnen darin, dass sich ein Bild aus farbigen Flächen zusammensetzt, während eine Zeichnung aus Linien besteht. In der Praxis lassen sich die Grenzen aber nicht immer so einfach ziehen. Schließlich können auch mit einem Pinsel und Farbe Linien gezeichnet werden.

Ebenso ist möglich, mit einem Stift Flächen anzulegen und auszumalen. In einer mehrteiligen Reihe haben wir uns deshalb mit der Frage “Was ist eine Zeichnung?” beschäftigt. Dabei haben wir die typischen Merkmale der Zeichnung, verschiedene Zeichentechniken, die Absichten von Zeichnungen und die unterschiedlichen Zeichengenres beleuchtet.

Außerdem haben wir erläutert, wodurch sich eine gute, gelungene Zeichnung kennzeichnet. Nun, in diesem vierten und letzten Teil, soll er darum gehen, wie das Zeichnen erlernt werden kann.

 

Kann jeder lernen, zu zeichnen?

Grundsätzlich kann jeder, und zwar wirklich jeder, das Zeichnen lernen. Hierzulande haben die meisten schließlich irgendwann auch einmal gelernt, zu schreiben. Daran zeigt sich, dass sie die Fähigkeit besitzen, einen Stift in die Hand zu nehmen und kontrolliert über ein Blatt Papier zu führen. Beim Zeichnen passiert im Prinzip nichts anderes, nur dass die Hand beim Zeichnen keine Buchstaben schreibt, sondern Linien und Striche zieht.

Dass viele an ihren zeichnerischen Fähigkeiten zweifeln, liegt also weniger am fehlenden Talent. Es ist vielmehr so, dass sie im Laufe der Zeit verlernt haben, frei und kreativ zu zeichnen. Kinder greifen gerne zu ihren Buntstiften und zeichnen einfach drauf los. Sie denken nicht über das Ergebnis nach und stören sich auch nicht daran, dass die Proportionen möglicherweise nicht stimmen. Dieser natürliche und unbeschwerte Umgang geht irgendwann verloren.

So lernen die Kinder in der Schule und durch gesellschaftliche Konventionen, was richtig und was falsch ist. Dadurch geht es beim Zeichnen nicht mehr um das Zeichnen als solches und um das Umsetzen der eigenen kreativen Ideen. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Ergebnis. Wenn die fertige Zeichnung nicht den gängigen Klischees, den Vorgaben oder den Erwartungen entspricht, wirkt das dargestellte Motiv seltsam oder falsch.

Natürlich ist das Zeichnen auch ein Handwerk und erfordert Übung. Nur wer am Ball bleibt und regelmäßig übt, wird seine zeichnerischen Fähigkeiten verbessern, seinen eigenen Stil entwickeln und seinen Zeichnungen eine individuelle Note verleihen können. Der erste und allerwichtigste Schritt ist aber, sich von den erlernten Konventionen zu lösen und seine Freude am kreativen und unbeschwerten Zeichnen wiederzufinden.

 

Wie lässt sich das Zeichnen lernen und üben?

Die meisten möchten nicht irgendwelche abstrakten Zeichnungen anfertigen, sondern ganz bestimmte Motive möglichst realistisch darstellen. Die größte Schwierigkeit bei dieser Art des Zeichnens besteht nicht darin, die Hand samt Stift kontrolliert über das Zeichenpapier zu führen. Die Hand führt alles das aus, was der Zeichner von ihr will. Allerdings ist die Hand das letzte Glied in der Kette.

Wenn der Zeichner eine Landschaft, eine Person oder einen Gegenstand betrachtet, die er zeichnen möchte, schaut er sich dieses Motiv mit seinen Augen an. Die Augen senden die entsprechenden Signale an den Kopf. Im Kopf entsteht ein bestimmtes Bild und dieses Bild wird an die Hand übermittelt, die es schließlich auf das Papier überträgt.

Auf dem Weg von den Augen über den Kopf zur Hand schleichen sich aber mitunter Veränderungen ein. Manchmal interpretiert der Kopf das Motiv anders als es tatsächlich aussieht, manchmal wird das Bild durch die Vorstellungen vom fertigen Ergebnis verfälscht.

Zudem wird das Bild als Gesamtmotiv übertragen und nicht als Ansammlung von Linien und Strichen. Um das Zeichnen zu lernen, ist es deshalb zunächst einmal wichtig, das Sehen zu üben. Deshalb sollte der Zeichner mit Trockenübungen beginnen. Trockenübungen meint, dass der Zeichner Papier und Stift zur Seite legt, mit seinen Augen beobachtet und seine Zeichnungen im Kopf erstellt.

 

Konkret geht das so:

  • Als erstes wählt der Zeichner ein Motiv aus. Innerhalb dieses Motivs legt er einen Punkt fest und zieht einen Rahmen. Der Rahmen ersetzt das Blatt, die Kanten des Rahmens sind die Außenkanten des gedachten Papierblattes.
  • Nun sieht sich der Zeichner den Bildausschnitt genau an. Dabei interpretiert er aber nicht, sondern beobachtet und konzentriert sich ausschließlich auf das, was seine Augen sehen.
  • Anschließend zeichnet er die wichtigsten Linien seines Motivs nach. Dazu überlegt er sich, wo innerhalb des Rahmens die jeweilige Linie anfängt, wo sie endet und welchen Verlauf sie nimmt. Zunächst sollte sich der Zeichner dabei auf die Konturen und die markantesten Linien beschränken. Nach und nach entsteht so eine (virtuelle) Zeichnung, die das Motiv in seinen Grundbestandteilen zeigt.
  • Ist der Zeichner mit dem Entwurf zufrieden, kann er dazu übergehen, die Details zu erfassen und seiner gedachten Zeichnung hinzuzufügen.

Wenn es dem Zeichner schwer fällt, alles vor dem geistigen Auge abspielen zu lassen, kann er selbstverständlich seinen Finger, einen Stift oder einen anderen Gegenstand als Hilfsmittel verwenden, um die Linien und Striche nachzuempfinden.

 

Anfangs mag es vielleicht etwas seltsam anmuten, nur im Kopf zu zeichnen. Diese Übung hilft aber dabei, zu lernen, ein Motiv objektiv und unverfälscht zu erfassen. Die Signale, die die Augen an den Kopf senden, können dann an die Hand weitergeleitet werden. Die Hand wiederum wird das zeichnen, was die Augen gesehen haben, und nicht das, was der Zeichner als fertiges Bild sehen wollte.

Hat der Zeichner die Kommunikation zwischen Augen, Kopf und Hand geübt, kann er beginnen, mit Papier und Stift zu zeichnen. Auch hier empfiehlt es sich, nach dem gleichen Schema wie bei der Trockenübung vorzugehen. Der Zeichner sollte sein Motiv also zuerst betrachten, in einzelne Linien zerlegen, dann die markanten Linien zeichnen und zum Schluss Details einarbeiten.

Ratsam ist außerdem, langsam zu zeichnen. Der Zeichner sollte jede Linie und jeden Strich bewusst und gezielt zu Papier bringen. Ein schnelles Zeichnen verleitet dazu, ungenau zu arbeiten. Dadurch können zwar tolle Zeichnungen entstehen, für eine realistische Wiedergabe des Motivs muss aber präzise gearbeitet werden.

Beim freien, kreativen Austoben auf dem Papier kann und sollte der Zeichner natürlich gerne auch wild herumkritzeln. Möchte er allerdings die Augen-Kopf-Hand-Kommunikation üben, sollte er sein Zeichentempo eher niedrig wählen.

 

Was ist mit dem eigenen Zeichenstil?

Vor allem am Anfang wird der Zeichner noch keinen eigenen Stil haben. Der eigene Stil, die persönliche Handschrift des Zeichners lässt sich nicht lernen. Stattdessen müssen sich die individuelle Note und die besonderen Eigenheiten im Laufe der Zeit entwickeln.

Zu Beginn wird der Zeichner meist versuchen, anderen Künstlern nachzueifern und sich an deren Stilen zu orientieren. Erst wenn der Zeichner Übung und Erfahrung gesammelt hat, wird er sich immer mehr von Vorlagen entfernen und gleichzeitig seine eigenen Ideen und seine Kreativität umsetzen. Dadurch reift allmählich ganz von alleine ein eigener Stil heran.

 

Mehr Anleitungen, Tipps und Vorlagen zum Zeichnen:

Thema: Was ist eine Zeichnung? – 4. Teil

 

Teilen:

Kommentar verfassen