Übersicht: Nicht-lineare Perspektiven beim Zeichnen

Übersicht: Nicht-lineare Perspektiven beim Zeichnen

 

Der Begriff der Perspektive steht für die räumlichen Verhältnisse von Objekten in einem bestimmten Raum. Konkret beschreibt die Perspektive die Anordnung und die Abstände von den dargestellten Objekten im Verhältnis zu dem Punkt, von dem aus ein Betrachter die Darstellung sieht. Beim Zeichnen wird es durch die perspektivische Darstellung möglich, einen räumlichen Eindruck zu erzeugen.

Auf der zweidimensionalen Fläche erscheinen die dargestellten Objekte also dreidimensional und die Zeichnung wirkt dadurch wie ein Raum. Dabei gibt es beim Zeichnen verschiedene Perspektiven, die angewendet werden können. Diese Perspektiven lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Eine Gruppe bilden die linearen Perspektiven. Sie arbeiten mit Fluchtpunkten und die dargestellten Objekte werden an diesen Fluchtpunkten ausgerichtet.

Die zweite Gruppe bilden die nicht-linearen Perspektiven. Diese Formen der perspektivischen Darstellung gehen weniger von geometrischen Regeln aus, sondern berücksichtigen die Wahrnehmungen, die das natürliche Sehen mit sich bringt. Aber welche Möglichkeiten hat der Zeichner hier?

 

Die folgende Übersicht stellt die nicht-linearen Perspektiven beim Zeichnen vor:

 

Die Staffelperspektive

Die Staffelperspektive leitet sich aus der Wahrnehmung ab, dass Objekte im Vordergrund näher zu sein scheinen als Objekte, die teilweise oder komplett verdeckt sind. Wenn auf einer Zeichnung beispielsweise zwei Häuser zu sehen sind und ein Haus dabei das andere Haus verdeckt, entsteht der Eindruck, dass das Haus, das komplett zu sehen ist, weiter im Vordergrund steht.

Das andere Haus hingegen scheint in zweiter Reihe zu stehen und sich somit weiter entfernt im Hintergrund zu befinden. Möchte der Zeichner einen räumlichen Eindruck durch den Staffeleffekt erzielen, kann er die Objekte seiner Zeichnung also übereinander gestapelt anordnen und Teile der Objekte, die weiter hinten liegen sollen, hinter den vorderen Objekten verschwinden lassen.

 

Die Größenperspektive

Objekte, die sehr nah sind, nehmen einen größeren Teil des Blickfeldes ein und werden deshalb vom menschlichen Auge größer dargestellt als Objekte, die weiter weg sind. Andersherum wird ein Objekt immer kleiner, je weiter es sich vom Betrachter entfernt. Diesen Effekt macht sich auch die Größenperspektive zunutze. Sind auf einer Zeichnung beispielsweise zwei Personen zu sehen und wird eine Person größer gezeichnet als die andere, entsteht der Eindruck, dass die größer gezeichnete Person näher ist, während sich die kleiner gezeichnete Person weiter hinten befindet und damit weiter weg ist.

Im Unterschied zur Staffelperspektive, die sehr dominant ist, ist die Wirkung bei der Größenperspektive aber recht schwach. Legt der Zeichner die beiden Figuren so auf dem Bild an, dass sie offensichtlich hintereinander stehen, wird die hintere Person selbst dann weiter entfernt scheinen, wenn sie etwas größer ist als die Person, die vorne steht.

 

Die Luftperspektive und die Farbperspektive

Die Luft ist in aller Regel nicht klar. Stattdessen enthält sie feinste Staubpartikel, Dämpfe und Gase. Je nach Witterungsverhältnissen treffen außerdem mehrere Luft- und Temperaturschichten aufeinander. Als dies führt dazu, dass das Sichtbare von der Luft gefiltert wird. Der Filtereffekt wiederum bewirkt, dass Objekte in größerer Entfernung heller, grauer und verschwommener wirken. Außerdem nimmt der Kontrast mit zunehmendem Abstand ab.

Dazu kommt, dass sich Blautöne besser gegen die Filterwirkung der Luft durchsetzen können als Rottöne. Deshalb wirken Objekte, die weit weg sind, mehr oder weniger blaustichig. Ähnliches wie für die Abstandswahrnehmung durch die Luft gilt auch für Farben im Allgemeinen. So wirken warme, klare und dunkle Farben näher als kalte, trübe und helle Farben. Je stärker die Kontraste angelegt sind, desto näher scheinen die Objekte zu sein.

Bei einem gezielten Einsatz dieser Effekte wird von der Luft- oder Farbperspektive gesprochen. Dabei kann diese Form der perspektivischen Darstellung natürlich auch bei Zeichnungen angewendet werden, die mit Bleistift, Kohle oder Tusche erstellt und damit in Schwarz-Weiß gehalten sind.

Hier gilt, dass dunkel schraffierte Flächen, kräftige Linien, dunkle Striche und Objekte mit klaren, deutlichen Konturen näher wirken. Im Unterschied dazu können helle Fläche, feine Linien und Objekte mit verschwommenen oder unterbrochenen Konturen den Eindruck von Abstand erzeugen.

 

Die Bedeutungsperspektive

Die Bedeutungsperspektive nimmt eine Art Sonderstellung ein. Anders als bei den anderen Formen der perspektivischen Darstellung orientiert sich die Bedeutungsperspektive nicht daran, wo und wie ein Objekt in der Zeichnung angeordnet ist. Es geht also nicht um die Position des Objekts im Raum. Stattdessen bemisst sich die Bedeutungsperspektive danach, welche Bedeutung das dargestellte Objekt hat. Je bedeutsamer und wichtiger das Objekt ist, desto größer wird es dargestellt.

Zu sehen ist der bewusste Einsatz der Bedeutungsperspektive oft bei mittelalterlichen Heiligenbildern und Gemälden mit Szenen aus der Bibel. Ist Maria auf dem Bild zu sehen, ist sie meist deutlich größer dargestellt als andere Personen. Ebenso ist der Heilige, der den Hauptanteil an der biblischen Szene hat, größer abgebildet als andere Heilige, Hirten oder die übrigen Personen auf dem Bild. Durch dieses bewusste Größenverhältnis, das gegen die Proportions- und Perspektivenregeln verstößt, soll die Bedeutung Marias oder des jeweiligen Heiligen unterstrichen werden.

Unbewusst wenden übrigens auch Zeichenanfänger oft die Bedeutungsperspektive an. So bestehen typische Fehler beim Zeichnen von Portraits darin, dass der Kopf, das Gesicht und die Augen zu groß gezeichnet werden. Diese Fehler sind der Tatsache geschuldet, dass in der Wahrnehmung der Kopf, die Augen und die Mimik eine größere und wichtigere Bedeutung haben als beispielsweise die Füße.

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Thema: Übersicht – Nicht-lineare Perspektiven beim Zeichnen

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