Perspektivisch zeichnen einfach erklärt

Perspektivisch zeichnen einfach erklärt

Beim perspektivischen Zeichnen handelt es sich um ein künstlerisch-technisches Konstruktionsverfahren. Es wird genutzt, um das dreidimensionale Sehen des menschlichen Auges auf einem zweidimensionalen Bildträger nachzuahmen.

Dabei bezieht sich die Perspektive nicht nur auf einzelne Bildausschnitte, sondern erstreckt sich immer über das ganze Bild. Die Perspektive ermöglicht es also, Zeichnungen anzufertigen, die dem nahekommen, was das menschliche Auge sieht. Damit wird das perspektivische Zeichnen auch zu einer der Grundlagen für realistische Zeichnungen und Malereien.

Aber wie funktioniert die Perspektive? Wie wird sie beim Zeichnen umgesetzt?

 

Hier unser Beitrag zum Thema “Perspektivisch zeichnen – einfach erklärt”:

 

Die Funktionsweise des menschlichen Sehens

Um das Verfahren rund um das perspektivische Zeichnen nachvollziehen zu können, muss sich der Zeichner zunächst einmal die Funktionsweise des menschlichen Sehens klarmachen: Der Einfachheit halber angenommen, der Mensch hätte nur ein Auge.

Dann würden alle Informationen, die er mittels Sehen wahrnimmt, durch eine Linse in sein Auge eindringen. Die Linse ist die Pupille. Auf der Rückseite der Netzhaut entsteht ein Abbild, das die Informationen spiegelverkehrt darstellt. Photorezeptoren wandeln dieses Abbild nun in elektrische Impulse um, die ins Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet werden.

Natürlich beschreibt diese Erklärung das menschliche Sehen stark vereinfacht, in Wirklichkeit ist der Prozess deutlich komplexer. Für das perspektivische Zeichnen kommt es aber auf folgenden Punkt an: alle Gegenstände, die beim Sehen wahrgenommen werden, reflektieren Licht.

Dieses Licht trifft in Form von geraden Lichtstrahlen in das menschliche Auge. Die Lichtstrahlen sind weder krumm noch gebogen, sondern tatsächlich kerzengerade. Beim perspektivischen Zeichnen werden genau diese Lichtstrahlen nachgeahmt. Dazu werden sie als Hilfslinien gezeichnet.

Nun hat der Mensch zwar zwei Augen, die nebeneinander angeordnet sind. Dadurch nimmt er Informationen aus zwei minimal unterschiedlichen Perspektiven wahr.

Im Zuge des Sehvorgangs verschmelzen die Informationen zu einem Gesamtbild und ermöglichen so das räumliche Sehen. Für das perspektivische Zeichnen spielt das aber letztlich keine Rolle, denn eine perspektivische Zeichenkonstruktion ahmt immer nur den Eindruck eines Auges nach.

 

Die Horizontlinie und der Fluchtpunkt

Die Erde ist zwar eine Kugel. Solange sich der Mensch auf der Erde bewegt, ist die Erdkugel aber groß genug, um den Horizont als gerade Linie erscheinen zu lassen. Je nach Standort kann die Horizontlinie von Bergen, Bäumen, Häusern und anderen Dingen verdeckt sein. In diesem Fall muss der Zeichner die Horizontlinie gedanklich vervollständigen.

Die Horizontlinie ist die Linie, die den Boden, auf dem der Mensch steht, optisch abschließt. Der Boden ist somit der zweidimensionale Untergrund. Alles, was dreidimensional gezeichnet werden soll, muss einen Bezug zu diesem Untergrund haben. Gleichzeitig endet die Konstruktion an der Horizontlinie.

Schaut der Mensch von seinem momentanen Standpunkt aus gerade nach vorne, trifft seine Sehachse an einem Punkt auf den Horizont. Dieser Punkt ist der sogenannte Fluchtpunkt der Zentralperspektive. Alle parallelen Linien in einem Raum laufen stets auf diesen einen, gemeinsamen Fluchtpunkt zu.

Da der Fluchtpunkt auf der Horizontlinie liegt und die Linien aus der Tiefe auf diesen Punkt zulaufen, ergibt sich automatisch auch der Bezug zwischen Boden und Horizont. Auf diesem Prinzip beruht das perspektivische Zeichnen.

 

Die perspektivische Zeichnung

Die ganze Theorie ist zwar schön und gut, anschaulicher wird das Ganze aber in der Praxis.

Die Grafik zeigt das Grundprinzip bei der Entstehung einer perspektivischen Zeichnung:

[Grafik perspektivisch zeichnen]

perspektivisch zeichnen

  1. Zunächst legt der Zeichner die Horizontlinie an. Auf dieser Horizontlinie markiert er seinen Fluchtpunkt. Auf dem Boden markiert der Zeichner dann den Punkt, der seinen Standort und somit den Ausgangspunkt für seine Sehachse bildet. Diesen Punkt verbindet er mit dem Fluchtpunkt auf der Horizontlinie. Damit ist die Sehachse (als Hilfslinie) vorhanden. Anschließend markiert der Zeichner einige Hilfspunkte auf dem Boden. Dabei setzt er die Hilfspunkte so, dass sie in gleichmäßigen Abständen zueinander eine Linie bilden und den Ausgangspunkt der Sehachse umschließen.
  2. Die Hilfspunkte verbindet der Zeichner nun mit dem Fluchtpunkt. Dazu zeichnet er Hilfslinien ein, die von den Hilfspunkten zum Fluchtpunkt führen. Diese Hilfslinien bilden die sogenannten Fluchtlinien.
  3. Mithilfe der Fluchtlinien kann der Zeichner nun die Grundfläche seines Gegenstandes anlegen.
  4. Ist die Grundfläche vorhanden, kann der Gegenstand dreidimensional ausgestaltet werden. Dafür wird zuerst die vordere Fläche des Gegenstandes eingezeichnet.
  5. Die linke und die rechte obere Ecke der Vorderfläche werden anschließend mit dem Fluchtpunkt verbunden. Auch hierfür werden wieder Hilfslinien eingezeichnet, die von den Ecken aus zum Fluchtpunkt führen.
  6. Mithilfe der eben eingezeichneten Hilfslinien kann festgelegt werden, in welcher Höhe die hintere Fläche des Gegenstandes endet. Dazu werden zwei senkrechte Linien eingezeichnet, die an den hinteren Ecken der Grundfläche beginnen und an den Punkten, wo sie auf die Hilfslinien treffen, enden. Nun müssen diese beiden Punkte nur noch mit einer waagerechten Linie verbunden werden und damit ist die hintere Fläche des Gegenstandes vorhanden.
  7. Zum Schluss radiert der Zeichner die Hilfslinien weg und gestaltet den Körper wie gewünscht aus.

 

Wie anhand dieses Beispiels deutlich wird, spielt neben dem Bleistift und dem Lineal der Radiergummi eine große Rolle beim perspektivischen Zeichnen. Für die Konstruktion müssen zahlreiche Hilfslinien eingezeichnet werden. Diese Hilfslinien werden später meist wieder entfernt. Genauso kann der Zeichner die Hilfslinien aber auch beibehalten, um seiner Zeichnung so eine bestimmte Optik zu verleihen.

 

Schräge Bildgegenstände und verschiedene Perspektiven

Nun kann es aber natürlich sein, dass der Zeichner einen Gegenstand abbilden möchte, der nicht parallel zu seinem Standpunkt angeordnet ist. Vielleicht will er den Gegenstand auch so zeichnen, dass eine Kante des Gegenstandes nach vorne zeigt.

In diesem Fall bleibt das Grundprinzip gleich, nur legt der Zeichner statt einem, zwei Fluchtpunkte auf der Horizontlinie fest. Verbindet er dann seine Hilfspunkte zum einen mit dem ersten Fluchtpunkt und zum anderen mit dem zweiten Fluchtpunkt, hat er alle Fluchtlinien als Hilfslinien, die er für seine Konstruktion benötigt.

Wie eine Zeichnung wirkt, hängt aber nicht nur vom Fluchtpunkt als solches ab, sondern auch davon, auf welcher Höhe die Horizontlinie verläuft.

 

In diesem Zusammenhang werden drei verschiedene
Perspektiven voneinander unterschieden:

 

  • Verläuft die Horizontlinie im unteren Bereich der Zeichnung, wird von der Froschperspektive gesprochen.
  • Eine normale Perspektive ist gegeben, wenn die Horizontlinie auf Augenhöhe des Menschen verläuft. Übertragen auf die Zeichnung, befindet sich die Horizontlinie ungefähr in der Bildmitte.
  • Die Vogelperspektive entsteht, wenn die Horizontlinie im oberen Bereich der Zeichnung verläuft.

Das Grundprinzip bleibt immer gleich!

So mancher wird jetzt vielleicht sagen, dass es nicht schwierig ist, einen einfachen, schlichten Gegenstand wie die Kiste im obigen Beispiel perspektivisch zu zeichnen. Bei einem komplexeren Bildmotiv sieht die Sache aber schon ganz anders aus. Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass das Zeichnen von komplexen Bildmotiven anspruchsvoller ist als das Darstellen von ganz simplen Bildelementen. Allerdings ändert sich an der grundlegenden Vorgehensweise nichts.

Das Grundprinzip beim perspektivischen Zeichnen bleibt also immer gleich. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ein komplexes Motiv in mehrere Einzelteile zerlegt wird. Es werden also im Prinzip mehrere einfache Kästen gezeichnet, die zusammen das Bildmotiv ergeben. Dadurch wird es dann auch möglich, mit den Einzelteilen zu spielen, indem ihnen beispielsweise unterschiedliche Fluchtpunkte zugewiesen werden.

 

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