Tipps zu Erkennbarkeit und Ähnlichkeit beim Zeichnen

Wenn wir etwas sehen, gleicht unser Gehirn diese Informationen mit den Daten ab, die bereits gespeichert sind. Findet es Übereinstimmungen, erkennen wir die Person oder den Gegenstand. Manchmal werden die wahrgenommenen Informationen auch aufgefüllt, beispielsweise wenn das Motiv nur zum Teil zu sehen oder in einer ungewöhnlichen Form dargestellt ist.

Aber was bedeutet das für das Zeichnen?

Hier ein paar grundlegende Überlegungen,
Infos und Tipps zu Erkennbarkeit und Ähnlichkeit beim Zeichnen:
 

Die Fähigkeit, Dinge zu erkennen

Der Mensch besitzt die Fähigkeit, andere Menschen, Dinge und Gegenstände zu erkennen. Dabei gelingt ihm dieses Erkennen auch dann, wenn er eine Person oder einen Gegenstand nicht unmittelbar, sehr deutlich, in vertrauter Umgebung oder unter den üblichen Verhältnissen vor sich sieht. Vor allem bei Personen lässt sich dies mit ein paar Beispielen verdeutlichen:

·         Der Mensch erkennt eine ihm bekannte Person, wenn sie an ihm vorbeiläuft oder irgendwo in weiterer Entfernung steht. Selbst wenn er die Person nur von der Seite oder von hinten sieht oder wenn er die Person schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte, erkennt er sie wieder. Er identifiziert sie nämlich anhand von Kriterien wie der Körperhaltung, dem Gang, ihrem Kleidungsstil oder anderen charakteristischen Merkmalen.

·         Der Mensch kann ein Gesicht einordnen, auch wenn er nur Ausschnitte davon sieht oder das Gesicht ungewöhnlich beleuchtet ist. Er erkennt die Person außerdem unabhängig von ihrer Mimik, also sowohl wenn sie lacht als auch wenn sie weint, mit offenem Mund schreit, die Zunge rausstreckt oder eine Grimasse schneidet.

·         Der Mensch findet beispielsweise auf einem Gruppenfoto oder auf einem Bild in der Zeitung Gesichter, die er kennt. Dies gilt auch dann, wenn die Gesichter ganz klein oder nur unscharf abgebildet sind.

·         Jeder, der schon einmal versucht hat, unerkannt zu bleiben, weiß, dass dies gar nicht so einfach ist. So reichen beispielsweise eine Sonnenbrille und eine tief ins Gesicht gezogene Mütze oft nicht aus, obwohl dadurch markante Teile des Gesichts verdeckt werden. Allerdings ist der Mensch zunächst irritiert, wenn das Bild, das er sieht, nicht mit dem Bild übereinstimmt, das er gespeichert hat.

Wer eine Person beispielsweise regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz und dort in einer bestimmten Berufsbekleidung sieht, wird sich schwertun, diese Person einzuordnen, wenn er sie auf der Straße und in Freizeitkleidung sieht. Er wird zwar wissen, dass er das Gesicht von irgendwo her kennt, wird sie aber nicht auf Anhieb erkennen. Möglicherweise kommen sogar Zweifel auf, ob er die Person nicht mit jemandem verwechselt.  

Details sind nicht entscheidend für die Erkennbarkeit und Ähnlichkeit

Vor allem die Computer- und die Sicherheitsindustrie haben sich in jüngerer Vergangenheit intensiv mit Erkennungsverfahren beschäftigt. Im Mittelpunkt der Forschungen stand dabei das Erkennen von Gesichtern mithilfe biometrischer Daten. Aus den Forschungsergebnissen lässt sich ableiten, dass vor allem unbewegliche und gleichbleibende Merkmale Schlüsselfaktoren für die Erkennbarkeit sind.

Im menschlichen Gesicht gehören hierzu in erster Linie die Wangenknochen und die Augenhöhlen. Ihre Form wird durch die Schädelknochen bestimmt und weder durch die Mimik noch durch Fett- oder Muskelgewebe großartig beeinflusst.

Ein weiteres Merkmal ist die Nasenlänge, die gleichzeitig die Größe der Fläche von der Nasenspitze bis zur Unterkante des Kinns definiert. Auch diese Werte verändern sich durch die Mimik, das Alter oder das Körpergewicht eines Menschen praktisch nicht. Ganz so wissenschaftlich muss es aber gar nicht immer zugehen. Dass die Erkennbarkeit und Ähnlichkeit hauptsächlich davon abhängen, in welche Flächen ein Motiv aufgeteilt ist, lässt sich mit zwei ganz einfachen Versuchen aufzeigen, die jeder selbst ausprobieren kann:

1.       Ein hautfarbener Nylonstrumpf, der über den Kopf gezogen wird, verändert das Gesicht so stark, dass es praktisch nicht mehr zu erkennen ist. Obwohl die einzelnen Teile des Gesichts noch zu sehen sind, sind die markanten Formen verzerrt. So ist die Nase plattgedrückt, die Haut im Bereich der Augenhöhlen verzerrt und die Wangenpartie scheint verschoben. Wesentliche Erkennungsmerkmale sind dadurch nicht nur verdeckt, sondern an eine andere Stelle gerückt. Dies führt dazu, dass sich selbst ein bekanntes Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit verändert.

2.       Ein dicker schwarzer Balken auf einem Foto, der die Augenpartie abdeckt, führt ebenfalls dazu, dass das Gesicht nur schwer zu identifizieren ist. Ein wesentliches Erkennungsmerkmal ist dadurch nämlich nicht mehr zu sehen und eine Einordnung des Gesichts damit deutlich schwieriger. Ein ähnlicher Effekt ergibt sich übrigens, wenn die Form der Augenhöhlen mithilfe schwarzer Schminke verändert wird. Auch dadurch wirkt ein Gesicht völlig anders. Bleiben die grundlegenden Flächen eines Gesichts oder eines Gegenstandes hingegen gleich, ist das Motiv auch dann eindeutig zu erkennen, wenn kleinere Details fehlen oder anders gestaltet sind.

So gibt es unzählige Möglichkeiten, um beispielsweise einen Baum zu zeichnen. Wenn die Grundstrukturen mit Stamm, Ästen und eventuell Blättern vorhanden sind, erkennt aber jeder, dass es sich um einen Baum handelt, unabhängig davon, wie einfach oder aufwendig ausgearbeitet der Baum gezeichnet wurde. Entscheidend dafür, dass etwas erkannt werden kann, ist also die Flächenaufteilung. Diesen Effekt nutzen übrigens auch Karikaturen.

Sie lassen einige Details weg und stellen gleichzeitig andere Merkmale übertrieben deutlich dar. Anhand dieser Merkmale, etwa einem markanten Kinn, einer besonderen Kopfform, sehr schmalen Lippen oder wuchtigen Augenbrauen, ist meist auf den ersten Blick zu erkennen, wen die Zeichnung darstellt. 

Schlussforderungen für das Zeichnen

Beim Skizzieren, Zeichnen und Malen ist die Fähigkeit, Dinge zu erkennen, einerseits eine wertvolle Hilfestellung. Möchte der Zeichner beispielsweise einen Menschen, ein Tier, ein Gesicht, ein Haus, einen Baum, eine Blume oder einen beliebigen anderen Gegenstand zeichnen, muss er sich nicht unbedingt eine Vorlage suchen. Stattdessen kann er aus dem Gedächtnis heraus zeichnen und solange Korrekturen an seinem Bild vornehmen, bis ihm das Ergebnis gefällt und er es als richtig und stimmig empfindet. Andererseits erschwert das Erkennen von bekannten und ähnlichen Dingen auch das Zeichnen.

Die Folge davon ist nämlich, dass ein Motiv in sich nicht stimmig, irgendwie komisch oder falsch wirken kann. Natürlich ist dies immer nur ein subjektives Empfinden und jedem Zeichner, Maler und Künstler steht es frei, sein Motiv nach seinen eigenen Vorstellungen umzusetzen.

In der Kunst gibt es kein richtig oder falsch und nirgends steht geschrieben, dass die Proportionen zwingend eingehalten werden müssen. Trotzdem beeinflusst die Tatsache, dass jeder Betrachter eine bestimmte Erwartungshaltung an die Optik eines Motivs hat, sein Empfinden von der Darstellung. Möchte der Zeichner ein Motiv zeichnen, das einer Vorlage möglichst nahekommen soll, ist er grundsätzlich gut beraten, zunächst die Umrisse samt Flächen anzulegen. Danach können prägende Merkmale angedeutet und solange verändert werden, bis die gewünschte Ähnlichkeit erreicht ist. Ganz zum Schluss können dann, sofern gewünscht, kleinere Details ausgearbeitet werden.

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