Schränkt realistisches Zeichnen die Kreativität ein?

Schränkt realistisches Zeichnen die Kreativität ein?

Vor allem Anfänger haben oft das Ziel, möglichst realistische Zeichnungen anzufertigen. Aber ist das überhaupt ein sinnvolles Ziel? Oder steht das realistische Zeichnen der Kreativität nicht komplett im Weg? Dieser Frage gehen wir in diesem Beitrag nach!

Schränkt realistisches Zeichnen die Kreativität ein

Schränkt realistisches Zeichnen die Kreativität ein?

Viele Zeichner möchten lernen, realistisch zu zeichnen. Zweifelsohne ist es faszinierend, zu sehen, wie Künstler mit dem Bleistift Bilder erschaffen, die fast aussehen wie Fotos. Und es ist durchaus verständlich, wenn Zeichenanfänger dem nacheifern und ebenfalls fotorealistische Zeichnungen anfertigen möchten.

Tatsächlich kann auch jeder lernen, realistisch zu zeichnen. Es kann zwar eine Weile dauern, bis das Auge und die Hand so viel Übung haben, dass die Zeichnung ihrem originalen Vorbild nahezu entspricht. Aber irgendwann ist dieser Punkt erreicht.

Gleichzeitig ist das dann allerdings auch der Punkt, an dem der Zeichner nicht in eine Falle tappen sollte. Wenn es ab jetzt nämlich nicht mehr darum geht, die Zeichentechniken zu erlernen und zu verbessern, sondern der Zeichner den Anspruch hat, seine realistischen Darstellungen mit jeder neuen Zeichnung noch weiter zu perfektionieren, kann die Kreativität leiden.

Denn der Zeichner lässt sich nicht mehr kreativ treiben. Stattdessen konzentriert er sich auf Details und verliert sich in Kleinigkeiten.

In den Sprudel, gefühlt immer realistischer zeichnen zu müssen, gerät der Zeichner besonders leicht, wenn er seine Bilder in den sozialen Medien veröffentlicht. Während hier realistische Zeichnungen nämlich viel positives Feedback und Anerkennung ernten, kommen kreative Experimente oft weit weniger gut an.

Das kann den Druck, den Realismus perfektionieren zu wollen, unnötig steigern.

Andererseits ist das realistische Zeichnen durchaus hilfreich. Der Zeichner schult dadurch seinen Blick für Details und übt verschiedene Zeichentechniken. Außerdem kann es sehr entspannend sein, sich kein eigenes Motiv auszudenken, sondern eine Vorlage originalgetreu wiederzugeben.

Realistisch zeichnen und trotzdem kreativ bleiben: 5 Tipps

Insgesamt ist das realistische Zeichnen ein wenig Fluch und Segen in einem. Doch es ist keineswegs so, dass es die Kreativität einschränken muss. Zumindest dann nicht, wenn der Zeichner folgende Ratschläge beherzigt:

  1. Auf die wesentlichen Bildelemente konzentrieren

Der Zeichner sollte sich als Ziel setzen, keine originalgetreue Kopie der Vorlage zu zeichnen, sondern ein ansprechendes Bild zu gestalten, das für sich und unabhängig von der Vorlage gut aussieht. Dabei sind einige Bildelemente wichtiger als andere.

Für den Zeichner heißt das, dass er lernen sollte, die Elemente des Bildes zu erkennen, die dem Motiv seinen Charakter geben. Auf diese Bildelemente sollte er sich anschließend fokussieren. Nebensächlichkeiten erfordern keine allzu realistische Darstellung.

  1. Schnell zeichnen

Wie schnell kann der Zeichner eine Zeichnung erstellen? Wie sieht ein Bild aus, das nach nur einer Stunde fertig ist? Sich selbst kleine Herausforderungen zu stellen, kann die Kreativität beflügeln.

Dabei geht es natürlich nicht darum, dass der Zeichner schludern oder auf die Schnelle irgendetwas hinkritzeln soll. Die Idee ist vielmehr, den Blick für das Wesentliche zu schärfen. Setzt sich der Zeichner ein zeitliches Limit, hat er gar keine Gelegenheit, um sich mit belanglosen Details aufzuhalten.

  1. Online Zeichnungen ohne Vorlagen veröffentlichen

Ein Künstler käme vermutlich nicht auf die Idee, bei einer Ausstellung oder in einer Galerie neben seinen Arbeiten Fotos von den Vorlagen aufzuhängen, die ihn zu den Bildern inspiriert haben. In den sozialen Medien ist aber genau dies gängige Praxis.

Um den Druck herauszunehmen, sollte der Zeichner deshalb einfach mal nur seine Zeichnungen veröffentlichen und die Vorlagen weglassen. Er wird erstaunt sein, wie anders sich das anfühlt.

  1. Für sich selbst zeichnen

Natürlich möchte der Zeichner, dass seine Kunst auch anderen gefällt. Lob und Anerkennung sind nun einmal schöner als Kritik. Und wenn ein Künstler mit seinen Arbeiten Geld verdienen will, muss er seine Kunst kommerziell anpassen.

Aber ein Hobby-Künstler sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass es um sein Hobby geht. Er drückt sich mit dem Bleistift aus, setzt seine Ideen um und experimentiert mit verschiedenen Techniken und Materialien. Was andere sehen wollen und wie sie die Arbeiten bewerten, ist zweitrangig.

Ordnet sich der Zeichner den Meinungen Dritter unter, kann er nicht kreativ sein. Deshalb sollte er regelmäßig für sich zeichnen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was andere wohl dazu sagen werden. Ist ein Bild fertig, kann er immer noch entscheiden, ob er es anderen zeigt oder ob nicht.

  1. Spaß am realistischen Zeichnen haben

Der Zeichner hatte das Ziel, realistisch zeichnen zu lernen. Doch jetzt, als er es endlich kann, kann er seine Fähigkeit womöglich gar nicht richtig genießen, weil er Bedenken hat, ob seine Ergebnisse gut genug sind. Er vergleicht seine Arbeiten mit anderen Zeichnungen und prüft, wo die Bildelemente besser getroffen sind.

So sollte der Zeichner nicht denken. Besser ist, er besinnt sich auf die Anfänge. Warum hat er begonnen, zu zeichnen? Wollte er nicht für sich eine Beschäftigung finden, die es ihm ermöglicht, sich auszudrücken, abzuschalten, Dinge bewusster zu sehen?

All das ist nicht verloren gegangen. Der Zeichner sollte nur damit aufhören, mit einem bestimmten Ergebnis vor Augen zu zeichnen und stattdessen genießen, wie gut er es inzwischen kann.

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Thorsten Laumann, 42 Jahre, technischer Zeichner, Marie Koschinski, 34 Jahre, Grafikdesignerin, David Naue, 37 Jahre, Mediengestalter und privater Comic-Zeichner, sowie Ferya Gülcan, Redakteurin und Betreiberin dieser Webseite, schreiben hier Wissenswertes, Tipps und Anleitungen zum Thema Zeichnen, Malerei, Kunst und Print.

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