Die Bedeutung der Perspektive im Laufe der Zeit

Der Begriff Perspektive leitet sich vom lateinischen perspicere, was übersetzt hindurch sehen bedeutet, ab. Durch eine perspektivische Darstellung werden Räume und Objekte so wiedergegeben, wie es den Sehbedingungen entspricht. Dabei stellt die Perspektive als Wiedergabe des räumlichen Sehens eine zweidimensionale Fläche in drei Dimensionen dar.

Dadurch entsteht eine Scheinwirkung, denn der sichtbare Raum ist nicht tatsächlich vorhanden, sondern wird lediglich vorgetäuscht. Heute kommen beim Skizzieren, Zeichnen und Malen verschiedene Perspektiven zur Anwendung. Doch dies war nicht immer so.

Ein Blick auf die Geschichte zeigt, wie sich die Bedeutung der Perspektive
im Laufe der Zeit gewandelt hat:
 

Die Perspektive in der Antike

Schon im 6. Jahrhundert vor Christus gab es erste perspektivische Darstellungen, die Figuren verkürzt und in einer schrägen Ansicht abbildeten. Im Folgejahrhundert traten erstmals Bühnenwände auf, die in perspektivischer Darstellung bemalt waren. Dies wurde als Skenographie bezeichnet, wobei sich der griechische Begriff aus den Wörtern scene für Kulisse und graphein für Zeichnen zusammensetzt.

Das Zeichnen und die Malerei behielten in der Folgezeit bis zum Mittelalter ihren Status als Handwerk bei. Erst mit dem Beginn der Renaissance entwickelte sich der Beruf des Malers zu einer sehr edlen Tätigkeit und aus dem schlichten Handwerker wurde der angesehene Künstler. Die perspektivische Darstellung gewann zunehmend an Bedeutung und alles, was zuvor geschaffen worden war, galt nun als einfach und primitiv. Gleichzeitig wurde der richtige Maßstab bei der Abbildung von Außen- und Innenansichten zu einer neuen Herausforderung. Deshalb nutzten die seinerzeitigen Künstler häufig Fliesenböden als Hilfsmittel und orientierten sich an deren Raster, um Verkürzungen darzustellen. 

Allerdings beeinflusste die Perspektive die Kunst nicht in allen Kulturen in gleichem Ausmaß. So spielte die Perspektive beispielsweise bei den Ägyptern kaum eine Rolle. Auch die Ägypter kombinierten zwar verschiedene Perspektiven miteinander, indem sie etwa bei Figuren einige Körperteile in der Vorderansicht und andere Körperteile in der Profilansicht abbildeten. Trotzdem hatte für sie nicht die Perspektive, sondern die Darstellung von religiösen und sozialen Symbolen die höchste Priorität.

Die Byzantiner wiederum verwarfen die naturalistischen Landschafts- und Architekturbilder der Römer. Auch für sie standen die strenge Ordnung und göttliche Symbole im Vordergrund und eine räumliche Wirkung entstand in der byzantinischen Kunst lediglich durch die Darstellung von Licht und Schatten. Erst im 13. und 14. Jahrhundert fand eine Rückbesinnung auf die Antike statt und gleichzeitig lebte die Vorstellung, dass die Kunst ein Spiegel der wirklichen Welt sei, wieder auf. 

Die Entwicklung der mathematisch konstruierbaren Perspektive

Etwa im Jahre 1320 hielt durch Giotto Di Bondone ein neuer Realismus in die Malerei Einzug. Anders als bislang üblich malte er keine zweidimensionalen Figuren als Symbole vor einem flächigen, ebenfalls mit Symbolen ausgestalteten Hintergrund. Stattdessen ordnete er plastisch modellierte Figuren in einem perspektivischen Raum an und stellte eine Beziehung zwischen den Bildelementen her. Heute gilt Di Bondone als einer der Wegbereiter der perspektivischen Darstellung. Der Gelehrte Gennino Gennini entwickelte um 1400 die Regel, dass die Schrägen eines Gebäudes im Bereich des Sockels nach oben und die oberen Teile schräg nach unten verlaufen müssten.

Taddeo Gaddi, ein Schüler von Giotto Di Bendone, schloss sich dieser Lehre an, steigerte sie und wendete sie auch bei naturalistischen Details in seinen Arbeiten an. Der Bildhauer und Architekt Filippo Brunelleschi und der Schriftsteller, Mathematiker und Architekt Leon Battista Alberti legten den Grundstein dafür, dass die Perspektive als wichtiges Hilfsmittel in der Kunst anerkannt wurde.

Brunelleschi führte 1413 den von ihm entwickelten Guckkasten vor und gilt heute als Erfinder der mathematisch konstruierbaren Perspektive. Alberti wiederum demonstrierte eine Möglichkeit der perspektivischen Darstellung, indem er den menschlichen Körper in drei Armlängen unterteilte.

Auch andere italienische Künstler beschäftigten sich intensiv mit der Perspektive und entwickelten Theorien, die teils auf Beobachtungen, teils auf Messmethoden und teils auf einfach nur auf der Wahrnehmung beruhten. So befasste sich beispielsweise Paolo Uccello mit der plastischen Darstellung von Tieren und Pflanzen, während Piero della Francesca die Geometrie als Grundlage jeglicher Schöpfung sah. Andrea Mantegna folgte Albertis Theorie und schuf erstmals eine illusionistische Raumdekoration, bei der das Deckenbild den Durchblick in einen freien Raum vortäuscht.  

Die Erfindung der gekrümmten Perspektive

Der passionierte Wissenschaftler Leonardo da Vinci bevorzugte die Linearperspektive und beschäftigte sich in seinem Traktat über die Malerei ausführlich mit deren Regeln. Dabei setzte er die Proportionen mit den Intervallen in der Musik gleich. Durch Untersuchungen vom Raum und der Entfernung fielen da Vinci jedoch Lücken in Albertis Theorie auf.

In der Folge entwickelte da Vinci die Grundlagen der Luftperspektive. Gleichzeitig fand er großen Gefallen an perspektivischen Besonderheiten wie beispielsweise der Anamorphose. Hierbei wird ein Bild bewusst verzerrt und ist wegen der Darstellung in dieser extremen Perspektive nur aus einem bestimmten Blickwinkel zu erkennen. Daneben gilt da Vinci als Erfinder der gekrümmten Perspektive.

Hintergrund hierfür war, dass da Vinci eine Perspektive entwickeln wollte, die dem ebenfalls gekrümmten menschlichen Sehfeld Rechnung trägt. 

Die Bedeutung der Perspektive ab dem Impressionismus

Im Laufe der Zeit arbeitete jeder Künstler letztlich mit seinen eigenen Methoden.

Während einige Künstler die Wahrnehmung als Grundlage für ihre Werke verwendeten, entwickelten andere Künstler spezielle Hilfsmittel oder ihnen eigene Vorgehensweisen. Während des Impressionismus und des Neoimpressionismus erfuhr die Optik großen Zuspruch, während die Linearperspektive in den Hintergrund rückte. Zu Zeiten des Jugendstils gaben die Künstler die Perspektive zugunsten einer dekorativen Ornamentik und Flächen ohne Schatten auf, während ab dem Kubismus räumliche Werte immer stärker in den Hintergrund traten. Der Futurismus löste den Raum schließlich auf und ersetzte die statistische Perspektive durch eine universale Dynamik.

Die Surrealisten zeigten Fragmente des Unbewussten in einer konventionellen Weise. Sie täuschten dem Betrachter Vertrautes vor und konfrontierten ihn gleichzeitig mit absurden Bildern, was seine Wahrnehmungsfähigkeit in Frage stellte. Die perspektivische Darstellung wurde überspitzt und die reale Welt angezweifelt, Paradebeispiel hierfür sind die Werke von Salvadore Dali.

Die konstruktive Malerei wiederum lehnte die perspektivische Darstellung und das Vortäuschen von Räumen ab, sondern legte stattdessen den Schwerpunkt auf die Darstellung eines universell-harmonischen Ideals. Auch für die Expressionisten spielte die Perspektive nur eine untergeordnete Rolle, denn sie widmeten sich vorrangig dem Ausdruck seelischer Befindlichkeiten.

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